Der erste Ton – Bedeutung und Tradition der Silbe Om
In vielen Yoga Kursen wird zu Beginn des Unterrichts dreimal der Klang „Om“ angestimmt. Welche Bedeutung hat der Klang „Om“, warum wird er gesungen und aus welcher Tradition stammt diese Praxis.
Was bedeutet Om und warum wird es angestimmt?
Bereits die kürzeste der Upanishaden (zwischen 700 und 200 v. Chr.), die Mandukya-Upanishad behandelt die Silbe „Om“:
„Hariḥ AUM. Die heilige Silbe AUM repräsentiert tatsächlich Alles – das All. Eine Erklärung liefert die Zeit unter dem Aspekt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber auch all das, was jenseits dieser Dreifachheit liegt, ist ebenfalls AUM.“
In der Yoga Philosophie wird „Om“ als heilige Silbe angesehen. Noch bevor die materielle Schöpfung entstand, gab es nur die natürliche, summende Energie, die dem Klang von „Om“ ähnelte. Wie Kommentatoren der Yoga Sutren anmerken ist Om nicht nur ein Symbol für dieses "höchste Wesen" (Iśvara) es ist identisch damit.
„Iśvara wird durch die mystische Silbe bezeichnet. Ist diese Beziehung eine Frage der Konvention oder besteht sie zwangsläufig, so wie zwischen der Lampe und dem Licht? Die Beziehung zwischen einem Wort und seinem Gegenstand ist immer gegeben, und die Konvention in Bezug auf Iśvara drückt aus, was Ihm innewohnt.“
Oder wie BKS Iyengar es in seiner Auslegung schreibt:
„Schall ist Schwingung, und Schwingung ist auch nach Auffassung der modernen Naturwissenschaft der Ursprung der Schöpfung.
Gott selbst ist jenseits der Schwingung, doch Schwingung ist die subtilste Form seiner Schöpfung und daher die größte Annäherung an Ihn, die uns in der stofflichen Welt möglich ist. Deshalb nehmen wir die Schwingung als Sein Symbol.“
Der eigentlich Laut besteht aus den drei Zeichen ‘a’, ‘u’, ’m’, was die Kontinuität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verdeutlicht. Der AUM-Klang umfasst das männliche, das weibliche und das neutrale Prinzip.
Oder noch mal BKS Iyengar:
„Die Buchstaben a, u und m stehen für das Sprechen (vāc), den inneren Sinn (manas) und den Lebensatem (prāna). Wie Blätter nur an einem Zweig wachsen können, so wird alle Rede durch das AUM zusammengehalten.“
Eine Praxis, die in der Tradition verwurzelt ist
„Ich bin der Vater dieser Welt, die Mutter, der Erhalter und der Großvater. Ich bin das Ziel des Wissens, das Läuternde und die Silbe Om.“
Heißt es in der Bhagavad Gita. Das Rezitieren oder Murmeln von Om nennt sich Japa und ist wahrscheinlich eine uralte spirituelle Praxis in Indien wie der Indologe Edwin F. Bryant schreibt.
„Seiner [Patanjalies] Ansicht nach wandert der Klang von der Kehle zum Gehirn, wo er die Kontemplation fördert. Tatsächlich wird die Wiederholung des Wortes „Om“ seit vielen Jahrhunderten von Mystikern und Meditierenden in Indien praktiziert und ist eine der gängigsten Formen der hinduistischen Meditation.“
Das Ziel dieser Praxis ist die Konzentration auf eine Sache.
„Die Wiederholung des Symbols (Om) und die Kontemplation über dessen Gegenstand – Iśvara – führen zu einer geballten Konzentration des Geistes des Yogins, der sich mit der Wiederholung des Symbols und der Kontemplation über dessen Bedeutung beschäftigt.“
Es heißt, dass beim Chanten von AUM diese Silbe das Ziel ist und sich unsere Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt konzentriert („Ekagrata“). So wie man den Bogen hält und das Selbst als Pfeil nutzt, verleiht uns das Chanten ein klares Gefühl für Richtung und Fokus. Es ist der Beginn der Reise nach innen und somit der Beginn des Unterrichts und der Praxis.
Auf körperlicher Ebene spricht die Silbe AUM das gesamte menschliche Stimminstrument an: Wir öffnen den Mund („a“), bewegen die Lippen näher zueinander („u“) und schließen dann den Mund („m“). Dadurch wird der Kehlkopf vollständig aktiviert. „A“ schwingt im Bauch und in der Brust mit, „u“ im Hals und in der Brust und „m“ in der Nasenhöhle, im Schädel und im Gehirn. Durch das Chanten von AuAUMm bewegen wir die Energie vom Bauch hinauf zum Gehirn.

