Die Wurzeln des Yoga
Wer Interesse an der vielfältigen Geschichte des Yoga hat, dem sei das Buch Roots of Yoga von James Mallinson und Mark Singleton ans Herz gelegt.
Die beiden haben über 100 alte, hauptsächlich in Sanskrit geschriebene, Yoga Texte übersetzt um die Wurzeln von Yoga und Praktiken wie Asana, Pranajama, Mantra oder Meditation zu erforschen. Dabei ist es ein wunderbares Beispiel für die Wandelbarkeit von Yoga entstanden.
Bis etwa 500 v. Chr. gibt es kaum textliche Nachweise für psychophysische Techniken die später unter der Bezeichnung Yoga bekannt werden.
Um 500 v. Chr. entwickelt sich eine neue asketische Strömung die als Śramana bezeichnet werden. Die Praktiken der Śramana werden erst um 300 v. Chr. als dhyānayoga (‘ yoga [by means of] meditation’ or ‘the discipline of meditation’) bezeichnet.
Auch die Yogasutren von Patanjali zeigt deutliche Einflüsse dieser asketischen Strömungen. In Sutra 2.1.
„The yoga of action (kriyāyoga) is: asceticism, recitation and devotion to Īśvara [the Lord].“
Ein weiteres wichtiges Element war die Atemkontrolle (Pranayama).
„Controlling the mind by controlling the breath is said to lead directly to liberation.“
Prānāyāma wird in vielen Texten als eine Form von tapas beschrieben Der Sanskrit-Begriff Tapas bedeutet Wärme, Hitze, intensive Praxis, Selbst-Disziplin oder Leidenschaft.
„Constantly engaged in yoga, he should practise breath-controls repeatedly, generating extreme heat as far as the ends of his hair and the tips of his nails. (24) As a result of holding [the breath] wind arises; from wind fire arises; by means of heat the waters arise. Through these three he is then purified internally.“
Wobei das, wie die meisten Aspekte des Yoga, nicht universell anerkannt wurde. So kann man in dem mittelalterlichen Sanskrit Text Amanaska lesen:
„There is no point in spending a long time cultivating the breaths [or] practising hundreds of breath-retentions, which cause disease and are difficult, [or] lots of painful and hard to master seals.“
Auch die radikale Weltabkehr der asketischen Tradition war nicht unumstritten. Die Bhagavadgītā etwa übernimmt das Yoga aus dem śramamischen Umfeld, lehrt aber, dass es mit weltlichen Tätigkeiten vereinbar ist, die entsprechend der eigenen Kaste und Lebensphase ausgeübt werden; nur auf die Früchte der eigenen Handlungen soll verzichtet werden.
Ein weiterer wichtiger Einfluss waren tantrische Strömungen. Eine zentrale tantrische Yoga Praxis ist Japa, die Wiederholung von Mantras, die als klangliche Manifestationen von Gottheiten verstanden werden, was vielen vielleicht von der Mantra-Rezitation (z. B. dem Om) zu Beginn der Yogastunde vertraut ist
Auch die Vorstellung einer Kundalinī Energie die sich am Fuß der Wirbelsäule befindet und durch Übungen, die ursprünglich nur Visualisierung umfassten, später jedoch in den Hathayoga-Traditionen um körperliche Komponenten erweitert wurden, dazu gebracht wird, durch den zentralen Kanal (Susumnā) bis zur Krone des Kopfes aufzusteigen, stammt aus einer tantrischen Tradition.
„Although ascent through the central channel is a shared feature across yoga traditions, there is, in practice, considerable diversity in conceptions of what ascends: ‘the soul or self’–designated jīva (‘ life essence’) or hamsa (‘ the gander’)–vital air (prāna), seed or seminal essence (bindu), mantric resonance, Kundalinī, or, in Buddhist tantric systems of yoga, the fiery energy known as Candālī.“
Erstmals systematisch als eigenständiges Yogasystem mit konkreten Techniken wird Hatha Yoga im Dattātreyayogaśāstra dargestellt.
„Everyone can succeed in yoga if they practise: [If] diligent, through practice everyone, even the young or the old or the diseased, gradually obtains success in yoga.
Success in any form does not arise merely by reading the scriptures.
Practice alone is the cause of success: this is indeed true, Sāmkrti.“
Bis zur Entstehung der frühesten Hatha-Yoga-Texte in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends n. Chr. war einer der Hauptgründe für Yogis Körperhaltungen zu praktizieren dass sie eine stabile Basis bilden für die Atemkontrolle, Mantra-Wiederholung und Meditation.
„Adaptation and mutation have always been features of yoga’s history, as competing and coexisting theories and practices exert their influence on one another, with some practices disappearing while others take on new, sophisticated forms.“
Roots of Yoga
Autoren: James Mallinson, Mark Singleton
Herausgeber: Pinguin Bücher
Veröffentlichungsdatum: 2017
Seiten: 540

