Wie sich Yoga im 20. Jahrhundert neu erfand

Yoga war schon immer ein Bündel unterschiedlicher, teils widersprüchlicher Praktiken und Philosophien. Diese Widersprüche sind kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern ihr Normalzustand. Radikale Weltentsagung und asketische Disziplin, tantrische Praktiken, nationale Wiedergeburtsbewegung im kolonialen Kontext (Vivekananda) oder westliche Fitnesspraxis im 20. Jahrhundert, Yoga hat(te) viele Gesichter.

Eine zentrale Figur für fast alle im Westen bekannten körperzentrierten Yogastile ist Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989), der oft als "Vater des modernen Yoga" bezeichnet wird. Er entwickelte das Konzept der Vinyasa Krama, eine durchdachte Verknüpfung von Asanas mit Atemführung, die Gedanken zur Ruhe bringen soll und einen Zustand von Klarheit und Konzentration herbeiführt.

Aus seiner Schule gingen die prägendsten Figuren des modernen Yoga hervor:

• K. Pattabhi Jois studierte bei Krishnamacharya und entwickelte daraus das dynamische, festgelegte Sequenz-System des Ashtanga Yoga.

• B.K.S. Iyengar, Krishnamacharyas Schwager, war mehrmals aber unregelmäßig unterrichtet worden, entwickelte aus dieser Grundlage den präzisions- und ausrichtungsfokussierten Iyengar Yoga.

• T.K.V. Desikachar, Krishnamacharyas Sohn, führte die individualisierte, therapeutische Seite der Lehre als Viniyoga fort.

• Indra Devi, die erste westliche Schülerin, die Krishnamacharya überhaupt unterrichtete, trug die Lehre unter dem Titel "Mutter des westlichen Yoga" in die USA.

„So wie der Stamm eins ist, aber viele Äste hat, so ist Yoga eins, aber die Anpassungen können variieren.
(As the trunk is one but the branches are many, yoga is one but adaptations may vary.)“
— B.K.S. Iyengar The Tree of Yoga

Klassische / traditionelle Richtungen

Hatha Yoga: Sammelbegriff, geht auf die Nath-Tradition (Gorakhnath) zurück; die moderne, körperzentrierte Form entstand maßgeblich durch Krishnamacharyas Hatha-Yoga-Schule in Mysore 1933 - 1950.

Iyengar Yoga: Von B.K.S. Iyengar entwickelt, mit Schwerpunkt auf Detailgenauigkeit, Präzision und Ausrichtung der Asanas, bekannt geworden durch sein Buch "Light on Yoga" (1966)

Ashtanga (Vinyasa) Yoga: Von K. Pattabhi Jois popularisiert, 1948 gegründet, dynamischer Stil mit Vinyasas (verbindenden Bewegungen); Jois berief sich auf seinen Lehrer Krishnamacharya.

Sivananda Yoga: Gegründet 1959 von Swami Vishnudevananda, Schüler von Swami Sivananda; Schwerpunkt auf Pranayama, Asanas, Entspannung, Diät und Vedanta-Philosophie. Sivananda selbst gründete bereits 1936 die Divine Life Society.

Dynamische / moderne Richtungen

Power Yoga: Entstand Ende der 1980er/frühe 1990er, maßgeblich von Beryl Bender Birch und Bryan Kest geprägt, beide Schüler von Pattabhi Jois; Versuch, Ashtanga für westliche Schüler zugänglicher zu machen.

Vinyasa Flow: Kein singulärer Gründer; entwickelte sich als freiere, kreativere Weiterentwicklung der Ashtanga-Prinzipien seit den 1980er/90er Jahren in den USA.

Bikram / Hot Yoga: Von Bikram Choudhury verbreitet, basierend auf den Lehren von B.C. Ghosh; populär seit den frühen 1970ern. Er wurde später Gegenstand mehrerer Klagen wegen sexuellen Missbrauchs und Diskriminierung.

Meditative / subtile Richtungen

Kundalini Yoga: In der Form, wie sie im Westen bekannt ist, durch Yogi Bhajan (Harbhajan Singh Puri) verbreitet, der über die 3H-Organisation lehrte. Auch hier ein kritischer Punkt: Bhajan wurde von zahlreichen ehemaligen Schülerinnen sexuellen Missbrauchs beschuldigt; eine Untersuchung (Olive Branch Report) hielt die Vorwürfe für überwiegend glaubhaft.

Yin Yoga: Ursprünglich von Paulie Zink Ende der 1970er entwickelt, als Synthese aus daoistischen Übungen und Hatha Yoga; in der heute bekannten Form durch Paul Grilley und Sarah Powers in den 1990er/2000er Jahren populär gemacht.

Darüberhinaus gibt es eine Vielzahl an weiteren Yoga Stilen um mir noch zwei zu nennen:

Jivamukti Yoga: 1984 von David Life und Sharon Gannon gegründet; verbindet Schriftstudium, Bhakti, Ahimsa, Nada Yoga und Meditation mit dynamischer Praxis.

Anusara Yoga: 1997 von John Friend gegründet, aus dem Iyengar-Stil abgeleitet, mit Fokus auf Ausrichtung und "herzöffnenden" Haltungen. 2012 änderte sich die Organisation nach einem Skandal und Friends Rückzug.

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